Wie Google+ das Internet revolutioniert

(01.08.2011 / stefan weikert) Wenige Wochen ist es her, seit Google+, das soziale Netzwerk des Suchmaschinen-Monopolisten Google der eingeladenen Öffentlichkeit im Rahmen der Beta-Phase zugänglich gemacht wurde. Über Mund-zu-Mund-Propaganda konnten Mitglieder Freunde und Bekannte, die über eine Google-Mail Adresse verfügten, einladen, ebenfalls an der Testphase teilzunehmen.

Einiges ist seitdem passiert. Nahezu jeder wollte seine Meinung  über den “Facebook-Killer” äußern und sich gleichermaßen outen als Mitglied des erlesenen Kreises der Testelite. Der Grundtenor war unisono: Vor allem für die einfache Verwaltung und Gruppierung der Kontakte in “Circles”, das schlichte Design, die klare und intuitive Konfiguration des Profils sowie die offen kommunizierten Datenschutzbestimmungen bekam Google+ gute Zeugnisse ausgestellt. Seitdem ist es bereits wieder etwas stiller geworden um das “neue Netzwerk”.  Nachdem sich die Spekulationen über die Mitgliederzahlen anfänglich überschlugen, bis zu 18 Millionen Nutzer soll Google+ in den ersten 3 Wochen laut Mashable angesammelt haben – kein schlechter Wert für ein “virales” System – gehen auch die Nutzerzahlen aktuell, gemeinsam mit den Pressemeldungen über Google+ den Krebsgang. Die erste Euphorie scheint verflogen zu sein, viele der angemeldeten Testnutzer waren wohl einfach nur neugierig. Wie viele von Ihnen sich in der weiteren Entwicklung des Netzwerks als “echte” Nutzer herausstellen, bleibt abzuwarten.

Auch in puncto schlichtem Design kündigte Google bereits an, dass eine offene Entwicklerumgebung die Tore für Spieleentwickler öffnen soll. Damit dürfte auch das schlichte Design nicht mehr lange bestehen bleiben und durch Anwendungen und Spiele-Empfehlungen jeder Couleur abgelöst werden. Insbesondere Browsergames erfahren durch soziale Netzwerke eine Renaissance, die in Zeiten von Angry Birds und Farmville vor allem Werbebudgets nach sich zieht. Zudem machen die Nutzungsgewohnheiten der Facebook-User diesen Schritt  absehbar, war es doch nicht zu erwarten, dass Google 38 Millionen Hobbyfarmer zwingen würde, ihren virtuellen Bauernhof nie wieder zu bewirtschaften.

Doch an einem so banalen Beispiel wie Farmville offenbart sich ein Dilemma: Nach der Hochphase mit rund 80 Millionen geben sich aktuell immer noch rund 38 Millionen Nutzer  weltweit dem virtuellen Pflanzen, Gießen, Ernten, Tauschen, Pflügen, Düngen, Aufziehen und Züchten hin. Finden goldene Eier, verlieren Kälber, hinterlassen einander allerlei Dinge auf den digitalen Premisen und rufen sich gegenseitig um Hilfe an, wenn es um die Bewältigung größerer Projekte geht. Sehr viel  Zeit wird tagtäglich in den digitalen Bauernhof investiert, Gieß- und Ernte-Bots angeschafft, vielleicht sogar das Farmville-Buch gekauft und gelesen. Auf Facebook hat jeder der aktuell rund 750 Millionen Nutzer, die monatlich etwa 30 Milliarden Informationsschnipsel miteinander teilen, durchschnittlich 130 Freunde, ist mit 80 unterschiedlichen Seiten, Gruppen oder Events verknüpft, produziert 90 Informationsschnipsel pro Monat selbst (Stand: Juli 2011; Quelle: facebook). Jeder zweite der unter 30-Jährigen Facebook-Nutzer webt täglich an seinem sozialen Netz und investiert mit jedem geteilten Bild, mit jedem “ge-like-ten” Artikel und jedem geposteten Kommentar in seine sozialen Beziehungen – über deren Qualität, Tiefe oder Gewinnträchtigkeit hier nicht geurteilt werden soll. Dieses Kapital, sei es nun in Farmville oder in “allgemeiner Beziehungspflege” angelegt, gilt es für Google anzuzapfen und zu transferrieren. Gelingt es Google+ nicht, diese Accounts zu migrieren, wird ein Großteil der Facebook-Nutzer Google+ die Gefolgschaft verweigern, in Sorge um ihr Investment, ihr soziales Kapital. Und an den Nutzerzahlen hängt der Erfolg von Google+. Ohne Nutzer ist das soziale Netzwerk weder sozial, noch ein Netzwerk. Ohne Nutzer ist Google+ nichts. Eine Party, zu der niemand kommt.

Gelingt es Google+ jedoch, eine kritische Nutzermasse zu erreichen, könnte  dies tatsächlich das Ende von Facebook bedeuten. Die Vorteile von Google+ gegenüber Facebook liegen neben den eingangs erwähnten und hinlänglich von anderer Stelle dargestellten Features vor allem darin, dass Google+ sich nahtlos in ein System einfügt, dass von 90% der deutschen Internetnutzer zur täglichen Recherche verwendet wird: Die Suchmaschine Google. Facebook lebt davon, dass Nutzer selbst link- und likefähigen, d.h.  teilbaren  Inhalt produzieren. Sind diese Inhalte nicht in ausreichender Form und Menge vorhanden stagniert das share-und-like-System, und die Nutzer müssen das System verlassen um außerhalb von Facebook auf die Suche nach den witzigsten Videos, den verrücktesten Bilder oder außergewöhnlichsten Webseiten zu gehen.

Der kritische Punkt liegt auf der Hand: Alle Inhalte sind allein auf Entertainment ausgelegt. Die Nutzer, die sich ernsthaft über aktuelles, gesellschaftpolitisches Tagesgeschehen austauschen (wollen), dürften sich in der klaren Minderzahl befinden. Letztlich möchte wohl kaum ein Nutzer seine Pinnwand schmücken mit der amerikanischen Schuldenkrise oder mit einem Bericht über den Militäreinsatz in Syrien. Statt dessen wird dort lieber das letzte Partyfoto oder ein vielzitiertes Katzen-Video angepinnt. An dieser Stelle setzt Google+ an. Durch die zentrale Positionierung innerhalb des Internet wird das Teilen von Inhalten so einfach wie nie. Ob in der Google Suche, bei der Bildersuche, in den News oder bei Youtube: Alle diese Google-Dienste vereinigen sich in Google+ und werden durch die Interaktion mit anderen Nutzern und deren Surfverhalten noch weiter angereichert. Sascha Lobo bringt es auf Spiegel Online auf den folgenden Nenner: “Die Urfrage von Facebook, die jeder Nutzer durch seine Aktivitäten fortwährend beantwortet, lautet: Wer bist Du? Die Urfrage von Google+ lautet: Was interessiert Dich?”. Damit erhebt sich Google+ über die Anwartschaft auf den Titel Facebook-Killer und antizipiert einen Paradigmenwechsel im Internet. Die ursprüngliche Feststellung der Interessen eines Nutzers wird angereichert durch die Interessen und das Surfverhalten der Personen, mit denen sich ein Nutzer umgibt. Aus einer objektiv ausgerichteten Suche wird dadurch eine Suche in sozialem Kontext. Die privaten Suchergebnisse erhalten auf diesem Weg eine soziale Determinante, die Google bei der Präsentation zusätzlich zu allerlei gesammelten Daten und Informationen heranzieht, um dem Suchenden das “beste Ergebnis” zu seiner Suchanfrage zu präsentieren.

Vor diesem Hintergrund werden die Rückmeldemöglichkeiten über soziale Buttons künftig deutlich an Einfluss gewinnen. Nicht allein das individuelle Suchanliegen entscheidet über die Suchergebnisse sondern auch die Bekanntheit mit Personen, die bereits Ähnliches gesucht haben sowie deren Beurteilung des Gefundenen in Form von geklickten “+1-Buttons”. Auf diesem Weg begegnet Google Content-Aggregatoren, die durch SEO-Maßnahmen das Suchergebnis zu ihren Gunsten beeinflussen, ohne selbst hochwertige Inhalte bereitzustellen, die jedoch durch erfolgreiche Linkbuilding-Aktivitäten ein besseres Ranking erzielt haben. So trägt Google+ dazu bei, qualitativ hochwertige Suchergebnisse zu sichern. Produkte und Dienstleistungen, die wenig massenkompatibel sind, erhalten weiterhin die Chance, sich mit Google Adwords passend auf der Suchergebnisseite zu positionieren – passender denn je vielleicht, da Google die im sozialen Netzwerk gewonnenen Einsichten sicher auch für SEA nutzbar zu machen weiß.